Saturday, August 29, 2009

Mer hend no immer eis gnoh

Von Peru nach Bolivien
Samstag frueh (vor einer Woche) sollte mich ein chico abholen und zum Touribus bringen. Als 15 Minuten vor der Abfahrtszeit immer noch keiner ankam, handelte ich selbst und schaffte es grad noch knapp auf den Bus. Mit Guide und Hostess fuhren wir die 380km lange Strecke nach Puno, die ich urspruenglich mit dem Zug zuruecklegen wollte. (Der kostet aber 210 Dollar, was ich schon etwas frech finde, und war ohnehin ausgebucht fuer den Samstag; zudem tanzen da drin scheint's Leute herum, das Ganze ist so richtig tourimaessig aufgemacht, worauf ich dann auch nicht wirklich Bock gehabt haette. Nicht zu vergessen die Aussicht auf x Stunden Panfloetenmusik.) Die Vegetation veraenderte sich auf dem Weg von Cusco (3'300m) zum hoechsten Punkt Abra La Raya (4'300m) hin zur Steppe, wo Viehzucht betrieben wird, mit teilweise schneebedeckten Bergen als Kontrast; wunderschoen. Dank der gut ausgebauten Strasse kamen wir nach mehreren Zwischenhalten, u.a. in Raqchi (alte Inka-Stadt, bedeutend fuer den Handel zwischen Norden und Sueden des Inkareichs), innert vernuenftiger Frist in Puno (3'855m) am Titicacasee an. Im Gegensatz zu Juliaca, der haesslichsten Stadt, die ich jemals gesehen habe und die wir auf dem Weg passiert hatten, ist Puno ganz nett, wenn auch arschkalt. (Bei der Kaelte sind in der Region in den letzten Wochen x Kinder und alte Menschen gestorben, u.a. wg. Grippe. Die Regierung hat dann Pullis hingeschickt - wird aber das Problem, das wohl einiges umfassender ist, nicht ganz loesen, denke ich...)

Abends wollte ich mir ein Cuy zu Gemuete fuehren. Es gab jedoch keins, und so nahm ich halt mit Alpaca vorlieb, das richtig fein war. (Aehnlich wie Rindsentrecote, wuerde ich sagen. Aber ich komme ja nicht so draus.) Danach trank ich den vermeintlich letzten Pisco Sour, da ja der Grenzuebertritt zu Bolivien unmittelbar bevorstand. (Gluecklicherweise gibt's den wider Erwarten auch hier an vielen Orten.)

Am Sonntag stand ich schon wieder frueh auf (langsam war ich richtig muede) und nahm den Bus nach Copacabana, das auf der bolivianischen Seite des Titicacasee liegt. (Der See umfasst ueber 8'000 Quadratkilomenter und ist mit 3'810m einer der hoechsten navigierbaren der Welt; 60% gehoeren zu Peru, 40% zu Bolivien; letztere sind (noch) schoener uebrigens. Ueber den Namen ist man sich uneinig: Titi = grosse Katze/ Puma - so weit, so gut; Caca = Fels/ Schwanz; Fels des Pumas scheint die etabliertere Version zu sein.) Bei einem kurzen Halt zum Geldwechseln hoerte ich "nei, scho wieder die", schaute auf und sah... Renate! Mit ihr haette ich wirklich nicht gerechnet, denn ihre Plaene waren vor einigen Tagen noch andere gewesen (Norden von Peru, da sie von Bolivien gekommen war). Waehrend ihres Rafting-Trips auf dem Rio Apurimac hatte sie sich aber aufgrund der netten israelischen Gesellschaft (das gibt's scheinbar auch) umentschieden mit Fernziel Argentinien. Jedenfalls fanden wir's einen sehr glatten Umstand und beschlossen, zwei Tage in Copacabana zu chillen, bevor wir weiter nach La Paz gehen wuerden, wo sie dann die Israelis treffen und ich weiter Richtung Dschungel reisen wuerde. Bereits auf der Grenze (die muss man hier in der Regel zu Fuss ueberqueren) war Partystimmung - ein Omen fuer die folgenden Tage. Ein Einheimischer erklaerte mir, es sei kultureller Austausch mit religioesen Ursachen. Die Grenze war voller Leute, Ess- und Getraenkestaende, Blasmusiken spielten aehnlich wie Guggenmusiken, wir haetten am liebsten gleich mitgespielt. (Renate war auch mal in einer Gugge.)

Gluecksrausch am Titicacasee
Unsere gute Laune sowie eine unglaubliche Gluecksstraehne zog sich dann die folgenden Tage durch: Zuerst ergatterten wir ein super Zimmer in einem tollen Hostal mit Blick ueber Copacabana, den Strand und den blausten aller blauen Seen! Daraufhin wollten wir von einem Stand auf der Strasse essen, aber als wir das Wasser, mit dem die Teller gewaschen wurden, sahen, fanden wir es ploetzlich nicht mehr ganz so eine tolle Idee. Holz alange, aber man kann das Glueck auch herausfordern, meinte Renate. So assen wir in einem Restaurant zu Mittag (15 Bolivianos = ca. 2.15 Dollar fuer ein ganzes Menu). Beglueckt liefen wir spaeter zum Hafen runter und liessen uns bei strahlendem Sonnenschein dazu hinreissen, mit einem Entenboetli ("Tigre") Pedalo zu fahren. Natuerlich durfte das Glace ("Rocky") nicht fehlen, und so duempelten wir gigelend und gackernd wie Huehner eine halbe Stunde mit Rocky auf Tigi im Titicacasee rum, uns gegenseitig bezeugend, dass dies ja schon das zugleich abgefahrenste, tollste und doefste war, was wir tun konnten. (Auf dem Foto der Titicacasee aus Tigis Sicht.) Nach dem Einparken von Tigi liefen wir die "Einkaufsmeile" hoch, und ich erstand mir einen blauen Wollpulli, der nicht zu heiss und nicht zu kalt gibt - genau richtig :-) Weiter kauften wir Fruechte sowie ein Potpourri von verschiedensten Nuessen und Popcorn, die uns die folgenden Tage als Snack dienen wuerden - bis zur Verfolgung. ("So, jetzt hani aber gnueg Nuessli gha fuer huet". Faktisch habe ich inzwischen genuegend Nuesse bis zu den Wechseljahren gegessen.) Wenigstens konnten wir einem kleinkindgrossen Spielzeug-Wolllama, Kalbshaxen und Kuhkoepfen widerstehen. (Ich faende es ja schon lange ganz interessant, die Reaktionen der Leute zu sehen, wenn ich mit einem Rucksack voller Plueschtiere und Aehnlichem ankommen und mich ausbreiten wuerde.)

Uns immer noch im Hoch befindlich, entschieden wir uns fuer das Restaurant "Nimbo" zum Abendessen - in jeder Hinsicht ein Brueller!!! Die Einrichtung des schoen schummrigen Schuppens war offensichtlich das Resultat mehrerer LSD-Trips, was der leicht schrille Blick des Gastwirts glaubhaft machte. Auf den Stuehlen und Baenken hatte es Schaffelle, so dass man es trotz der Kaelte draussen und dem ungeheizten Raum durchaus eine Weile da aushalten konnte. Wir assen den besten Burrito und kamen spaetestens dann nicht mehr aus dem Groelen heraus, als Renate einen Cocalikoer gemixt mit Cola und dazu eine Cola bestellte. Das brachte sogar den Typ etwas aus dem Haeuschen.

Nach genialem, langem Schlaf (andere waeren nach Renates Mix 3 Tage gestanden) fuhren wir anderntags mit einem Boot auf die Isla del Sol hinaus, auf der wir ein bisschen rumspazierten, die Schoenheit des Sees und der dahinterliegenden Berge bewunderten sowie in der Sonne doesten - ein weiterer perfekter Tag, wir konnten es kaum glauben. Danach schauten wir den Sonnenuntergang. An jenem Abend hatte Nimbo leider zu, aber wir fanden einen wuerdigen Ersatz, der sogar Ruso Blanco (White Russian) im Angebot hatte :-) So mussten wir auch an diesem Abend wieder eins nehmen.

Spass in La Paz (Wortspiel) und Death Road
Am Dienstag ging's weiter nach La Paz. Wir hatten am Vorabend in einer Agentur Tickets gekauft. Als wir an der Bushaltestelle ankamen, stellte sich heraus, dass die verschiedenen Agenturen mehr Tickets verkauft hatten, als Platz im Bus war. (Wir hatten uns schon gewundert gehabt, wie die Info von den Agenturen zum Busunternehmen kommen wuerde - da also dann die Antwort: Gar nicht.) Das war interessant. Wir kriegten jedenfalls zwei Sitze, und die folgenden paar Stunden fuhren wir am See entlang, der immer schoener und schoener wurde. Ich hab's ja nicht so mit der Dramatik, aber ich denke "atemberaubend" waere das richtige Wort. (Da kann leider auch mein heissgeliebter und bislang ungetoppter Vierwaldstaettersee nicht mehr ganz mithalten. Aus praktischer Sicht hingegen bevorzuge ich ihn immer noch, u.a. da der Titi nur um die 11 Grad rum ist.) An einer Stelle mussten alle aussteigen und mit einem Boot uebersetzen, waehrend der Bus mit der bolivianischen Version einer Faehre ans andere Ufer transportiert wurde - lustig! Die Anfahrt ans Zentrum von La Paz, dem Regierungssitz (wenn auch nicht Hauptstadt) von Bolivien, war ebenfalls spektakulaer: Eine 800'000 Einwohner Stadt auf 3'650-4'000m, umgeben von Bergen wie dem schneebedeckten Illimani (> 6'300m). Die Temperaturen da oben waren ueberraschend gemaessigt, wohl weil relativ windgeschuetzt.

In unserem 14-er Schlag im Loki Hostal hausten ueberdurchschnittlich viele gutaussehende Maenner, was uns nicht unangenehm war. Weiter hatte das Internet in La Paz eine ganz ordentliche Geschwindigkeit (ansonsten fast ueberall so lahm, dass man nebenbei noch ein Buch lesen kann), so dass wir abends alles organisatorisch Notwendige erledigt hatten und uns auf den Ausgang konzentrieren konnten. Wir landeten schlussendlich in einem Pub mit ganz netter Musik (beim 4. Mal "I will follow him" mussten wir allerdings ein Auge zudruecken), die von einer der Koechinnen aufgelegt wurde, was wir genau so glatt fanden wie die Belegschaft selbst. Nachdem wir aufgrund Taximangels vergeblich versucht hatten, mit dem Gueselwagen nach Hause zu kommen (sie wollten uns nicht mitnehmen), genehmigten wir uns in der hauseigenen Bar im Loki noch einen Schlummertrunk und konnten so einen neuen Rekord aufstellen - 1:30h wars.

Natuerlich mussten wir auch eine Sightseeing-Tour im Doppeldeckerbus machen, immer auf der Acht vor herunterhaengenden Stromleitungen (ein unglaubliches Puff - wundert mich nicht, dass ich wegen Stromausfall meine Foto-DVD erst verspaetet im Internetcafe abholen konnte). Zuvor hatten wir in einer Baeckerei riesige Ofechuechli und Toertli mit feiner Konfi (!) gefunden, weshalb wir auch auf diesem Trip auf Wolke sieben schwebten. (Nach all den Nuessen war das eine willkommene Abwechslung.) Leider ging auch dieser Tag schnell zu Ende. Ich las Renate noch das Guet-Nacht-Gschichtli aus dem Aerzteroman der Straumaenner vor, und am naechsten Morgen verabschiedete ich mich, um mit dem Bike die "gefaehrlichste Strasse der Welt" (so wird es behauptet) hinunterzufahren: 3'600 Hoehenmeter von 4'700m auf 1'100m, das war cool. Die Strasse selbst ist eigentlich ganz leicht zu fahren und relativ breit (fuer Velos). Das Gefaehrliche daran ist: Wenn man ueber sie hinausfaehrt, ist man ziemlich sicher tot, weil der Fels an einigen Stellen abrupt mehrere hundert Meter abfaellt. Wenn man aber vernuenftigt faehrt, ist es fast wie jedes andere Ausfaehrtli auch. Danach gab es Mittagessen, und ein Taxi brachte mich und 3 deutsche Jungs die paar hundert Meter hinauf ins Dorf Coroico (1'760m) - nachdem die Herren es angeschoben hatten. Dort kaufte ich ein Ticket fuer den Nachtbus Richtung Dschungel fuer den naechsten Tag und nahm es fuer den Rest des Nachmittags und Abends gemuetlich. Ich kam sogar dazu, auf der Terrasse mit Blick auf Tal, Berge und Pool in meinem Buch zu lesen.

Rumpelpumpel nach Rurrenabaque (noch eins, wenn auch nicht so gut) und weitere Aussichten
Gestern (Samstag) kam ich nach einer extrem staubigen, aber wenigstens nicht ereignisreichen 14-stuendigen Rumpelfahrt (die einzigen asphaltierten Streckenabschnitte waren wenige Bruecken) durch die Yunga-Taeler morgens um 4:30h in der gemuetlichen und herzigen Dschungelstadt Rurrenabaque an. Hier ist es 31 Grad und ziemlich feucht, so dass einem vom blossen Rumsitzen der Schweiss runterlaeuft. (Es ist echt schrill, wie man in diesen Laendern in einem einzigen Tag das ganze Klimaspektrum durchlaufen kann.) Von hier aus werde ich morgen (Montag) mit Jill und Dale, mit denen Andrea und ich in Ecuador einige Tage unterwegs waren und die inzwischen auch hier angekommen sind, auf eine 3-taegige Pampas-Tour im nahegelegenen Madidi Nationalpark gehen. Habe wieder einmal Schwein, dass ich den Trip mit Leuten machen kann, die ich schon kenne; das wird sicher witzig! Wir hoffen pinke Flussdelphine, Kaimane, Affen, Anakondas und vieles mehr zu sehen und nicht allzu verstochen zurueckzukehren.
Am Donnerstag fliege ich zurueck nach La Paz (so der Flug auch wirklich geht) und reise von da weiter suedlich in die Studenten- und Hauptstadt Sucre. Und dann geht's auch schon mit grossen Schritten dem Ende meiner Reise entgegen - nur noch 3 Wochen! Freue mich aber auf euch.

Bolivien gefaellt mir bisher sehr gut, wenn es auch ein sehr armes Land ist (das aermste in Suedamerika) und ein Land voller Gegensaetze: La Paz (zumindest der Kern) ist eine moderne Stadt inkl. Fastfoodmeile, waehrend man bei Ueberlandbusfahrten Leute in Lehmziegelhuetten hausen sieht, die ihre Waesche im Fluss oder See waschen und auf Steinen trocknen. 32% der Bevoelkerung sind unter 14-jaehrig; die Durschnittsanzahl Kinder, die eine Frau hat, sind 5; nur gerade 4% sind ueber 65-jaehrig; ironischerweise wird man mit 65 pensioniert, und ab dann gibt es auch freie medizinische Versorgung; das BIP pro Kopf sind rund 1200 Dollar; 10% der Bevoelkerung verfuegen ueber 40% des Reichtums...

@Straumaenner: Danke nochmals fuer das Survival-Kit - das meiste davon hat sich bisher als nuetzlich erwiesen. Aber die 3 Aerzteromane sind so schlecht, dass ich wirklich nicht weiterlesen konnte. Zudem ist es ja auch Gewicht, dass man mitschleppt - musste den Schunken entsorgen ;-)

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